Integrierte Versorgung – Herausforderung für alle Systempartner

Als Schlagwort in aller Munde scheitert die Integrierte Versorgung derzeit im Wesentlichen am dualen Finanzierungssystem des Gesundheitswesen. Solange sie als Sparmaßnahme missverstanden wird, gibt es auch keine Chance auf Umsetzung.

Wir alle wissen, dass Sparmaßnahmen im Gesundheitsbereich sich nicht werbewirksam kommunizieren lassen. Auch der Kunstgriff von besserer Effizienz und ökonomischerer Vorgangsweise zu sprechen, ist bestenfalls ein Hilfsmittel, um notwendige Reformen irgendwie positiv vermarkten zu können.

Jeder Vorstoß in eine gesamtwirtschaftliche Zukunft wird vom Verhandlungspartner im günstigsten Falle kritisch beäugt, in der Regel aber als unmoralisch diskreditiert. Bei der Integrierten Versorgung scheint dies auf den ersten Blick genauso zu sein. In Wahrheit aber ist sie die Gelegenheit das Gesundheitsbudget wieder verstärkt für die Gesundheit (präventiv sowie kurativ) einzusetzen.

Mit anderen Worten: Für absehbare Zeit ist die Integrierte Versorgung eine der wenigen Chancen der Ärzte einen größeren Anteil am gesamten Gesundheitsbudget zu bekommen. Angesichts der Wirtschaftskrise ist eine gravierende Aufstockung der Gesundheitsbudgets nicht in Sicht. Mehr als Anpassungen an die Inflation ist nicht zu erwarten. Wenn also der gesamte Kuchen nicht größer wird, beginnen üblicherweise die Verteilungskämpfe um das größte Stück am Kuchen.

Mit der Integrierten Versorgung bietet sich den Ärzten eine Chance, wie sie so schnell nicht wieder zu erwarten ist. Macht man sich bewusst, dass Krankenanstalten immer ein wichtiger Arbeitgeber einer Region sind, erkennt man unschwer, dass hier mit Gesundheitsgeldern Arbeitsplatzpolitik betrieben wurde. Es ist kaum zu glauben, was man an einem Krankenhaus so alles um-, neu- oder zubauen muss bevor eine optimale medizinische Versorgung gewährleistet ist. Und vergessen wir nicht die notwendigen Instandhaltungsarbeiten.

Dass dann kein Geld für notwendige Dokumentationsassistentinnen bleibt, sondern verstärkt Turnusärzte dafür missbraucht werden, kritisiert die Ärztekammer regelmäßig. Doch die Integrierte Versorgung ist mehr als eine Notwendigkeit, die Kassendefizite im Zaum zu halten. Die Integrierte Gesundheitsversorgung kann die Vorteile von Krankenanstalten und niedergelassenen Ärzten verbinden und zu einem wettbewerbsfähigeren Preis am Markt anbieten. Daher sind alle Systempartner aufgerufen diese Chance so bald wie möglich zu nützen und den dadurch entstehenden Vorteil so weit wie möglich an die Patienten abzugeben.

Auch viele andere Berufsgruppen, die nicht unmittelbar mit der Gesundheit zu tun haben „naschen“ an den Geldern für die Krankenanstalten mit. Köche, Reinigungskräfte, Portiere und viele mehr arbeiten nicht für die Gesundheit sondern auch für das Wohlbefinden der Patienten. Dies alles verteuert medizinische Leistungen, die in vielen Fällen ebenso gut von niedergelassenen Ärzten erbracht werden könnten.
Ebenso gut und billiger wird vielleicht mancher einwenden wollen. Ebenso gut und eigenverantwortlich trifft es wohl am genauesten. Im niedergelassenen Bereich bestimmen die Ärzte selbst über ihre Ressourcen. Integrierte Versorgung ist daher die Chance der Spitalsärzte, aberwitzigen Arbeitszeitenregelungen zu entgehen und aus einer Gesundheitsmaschinerie auszubrechen.

Durch besseres Service und mehr Qualität sollte es leicht möglich sein, sich von der Konkurrenz abzuheben, und sogar ohne Kassenvertrag am Markt bestehen zu können. Haben sich erst mal einige Versorgungszentren am Markt etabliert, hat die Politik genauso wie die Sozialversicherung praktisch keine anderen Möglichkeiten mehr.
Wer erwartet, dass öffentliche Institutionen hier mit Initiativen starten, verkennt die politische Realität. Private Initiativen müssen ihre Beweglichkeit und Kreativität einsetzten, um mehr Selbstbestimmtheit für die Ärzte zu erlangen. Gerade am Anfang sollte man sich von den öffentlichen Institutionen nicht zu viel erwarten.

Gerade die Landespolitiker werden noch viel Größe beweisen müssen. Macht und Einfluss im Gesundheitsbereich sowie bei der Vergabe von Arbeitsplätzen aufzugeben, ist keine Einfache Herausforderung. Doch sie ist ebenso notwendig, wie die Bereitschaft der Sozialversicherungen die Verlagerung aus dem intramuralen Bereich zumindest kurzfristig vorzufinanzieren.

Wie immer wird sich für die Vorreiter, die sich bereits heute das rechtliche und organisatorische Know How aneignen oder bei Deloitte zukaufen, diese Investition lohnen. Denn die Entwicklung zur integrierten Versorgung kann sich schlimmstenfalls ein wenig verzögern. Langfristig ist sie nicht aufzuhalten.

Auch muss niemand auf die Legalisierung der GmbH im Gesundheitswesen warten. Ich bin der festen Überzeugung, das integrierte Gesundheitszentren bereits nach heutiger Rechtslage möglich und zulässig sind.



Bernhard Graf Bernhard Graf
bgraf(at)deloitte.at

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