Montag, 16. November 2009

Wenn der Fernseher mit dem Patienten spricht

Auch wenn Xing, Facebook und andere social Networks kaum praktische Hilfe für den Alltag pflegebedürftiger Menschen bieten können; ein ganz wesentlicher Aspekt für das Gesundheitswesen wird häufig unterschätzt. All diese Networks sind für die grenzenlose Mobilität der Babyboomer–Generation entwickelt worden. Mit dem sehr individuell selektierten Freundeskreis dieser Generation wird auf allen fünf Kontinenten der Kontakt gehalten.

Während man früher sein soziales Umfeld eher gezwungenermaßen in der Region gesucht und gefunden hat, ist es heute kein Problem mehr, wichtige Stationen im Leben der Freunde quer über den Erdball zu verfolgen. Diese Vernetzung kann jedoch auch zentrale Bedürfnisse älterer Menschen befriedigen, deren Aktionsradius bereits eingeschränkt ist.
Gemeint ist hier jedoch nicht etwa das Bedürfnis nach sozialer Interaktion. Vielmehr geht es um die latente Angst dieser Menschen auf Grund der fehlenden Besuche im Ernstfall über einen längeren Zeitraum keine Hilfe herbeiholen zu können. Der Tod als unvermeidliche Folge des Lebens verbreitet erheblich weniger Ängste als das Siechtum. Zu präsent sind die Zeitungsmeldungen von Verstorbenen, die erst nach mehreren Wochen und Monaten entdeckt werden.

Während bereits Fußböden entwickelt werden, die Stürze der Bewohner erkennen und über eine Alarmzentrale selbständig Hilfe herbeiholen können, denke ich hingegen, dass diese intelligente Haustechnik neben den Kosten vor allem am fehlenden Nutzen, solange man gesund ist, scheitern wird. Relativ hohe Investitionskosten, die für eine Eventualität ausgegeben werden, die möglicherweise niemals eintritt, wird vermutlich die meisten Menschen abschrecken.

Wesentlich erfolgversprechender, weil massentauglicher sind Applikationen, die auf Basis der Vernetzung, Kurzweile ins Leben der immobil gewordenen Menschen bringt. Dabei dürfte es ein leichtes sein, Routinen im Leben der Betroffenen dazu zu nützen, eine stufenweise Alarmierung auszulösen. Neben der fix vorprogrammierten Lieblingssendung im TV können die Systeme aber auch registrieren und lernen, wenn typischerweise konsumierter Content nicht beansprucht wird.
Ja sogar die Regelmäßigkeit der Medikamenteneinnahme könnte (natürlich nur auf freiwilliger Basis) überwacht und als Indikator dafür herangezogen werden, dass alles in Ordnung geht. Werden vom dezentralen System ein oder je nach individueller Einstellung auch mehrere Abweichungen von der erwarteten Routine registriert, wird über das Netzwerk Alarm ausgelöst.

Ob nun erst ein automatisiertes SMS zur Erinnerung oder ein Anruf der alarmierten Angehörigen folgt oder vielleicht sogar der Hausarzt mittels Videokonferenz Nachschau hält, wird wohl erst nach ersten Testerkenntnissen auf Basis der Praktikabilität definiert werden. Klar ist hingegen jetzt schon, dass auch die Sozialversicherungen ein Interesse haben müssten, dass das Problemfeld der Compliance mit wirksamen Methoden einer Lösung zugeführt wird.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Produkte wie dieses sich unweigerlich in der nahen Zukunft etablieren werden. Fraglich ist heute nur noch, welche Interessensgruppen die Federführung übernehmen, und damit maßgeblichen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung haben werden. Klar ist hingegen, dass die datenschutzrechtlichen Sorgen der Patienten sich beim Herannahen des Lebensendes massiv reduzieren. Daher werden gegebenenfalls die Patienten selbst derartige Konstruktionen anregen.


Beate Hartinger Beate Hartinger
bhartinger (at) deloitte.at

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